Ich hab da so eine Theorie über rechts und links.
Ich bin mir ja gar nicht sicher, ob ich damit richtig liege. Aber seit einigen Tagen lässt mich dieser Gedanke einfach nicht mehr los.
Heute Morgen ist mir etwas Seltsames passiert.
Ich wollte einfach nur losgehen, wollte mich fertigmachen für einen Termin. Ich hatte nichts besonderes vor, es war ein Termin wie viele in dieser Woche. Ich stand auf, zog die Schuhe an, nahm meine Tasche und machte den ersten Schritt. Den zweiten eigentlich auch. Eigentlich, aber der kam irgendwie nicht dort an, wo ich ihn erwartet hatte.
Ich blieb stehen und schaute auf meine Beine. Beide waren doch da. Das rechte sah aus wie gestern und das linke ebenfalls. Keines wirkte beleidigt, keines besonders motiviert. Und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, sie hätten beschlossen, heute getrennte Wege zu gehen.
Das rechte Bein marschierte los, als hätte es einen Zug zu erwischen. Das linke schien der Meinung zu sein, Geschwindigkeit werde ohnehin überschätzt. Nach wenigen Metern entstand zwischen beiden eine Diskussion, an der ich erstaunlicherweise körperlich beteiligt war.
Ich stützte mich kurz am Tish ab und musste über mich selbst lachen.
Es ist schon erstaunlich, wie selbstverständlich wir durchs Leben gehen. Dabei ist Gehen eigentlich eine ziemliche Teamarbeit. Das eine Bein trägt gerade das ganze Gewicht, während das andere schon den nächsten Schritt vorbereitet. Im Fuß spannen sich winzige Muskeln an, Sehnen geben nach, irgendwo melden Nerven dem Gehirn, dass der Boden unter uns noch da ist. Dann wechseln die Aufgaben. Wieder und wieder.
Rechts – links – rechts – links.
Jahrelang denkt kein Mensch darüber nach. Bis plötzlich eines der beiden Beine beschließt, heute nicht mehr ganz so mitspielen zu wollen.
Vielleicht wegen eines Muskelkrampfes, oder vielleicht wegen eines falschen Schuhs, schlimmstenfalls wegen eines Schlaganfalls.
Und plötzlich wird aus etwas Selbstverständlichem eine Herausforderung.
Während ich noch so dastand, kam mir ein völlig verrückter Gedanke.
Natürlich könnte ich jetzt das stärkere Bein trainieren. Es scheint ja ohnehin das bessere zu sein. Eventuell sollte aber das schwächere einfach aufhören, ständig im Weg zu sein. Ich könnte also jeden Tag nur das rechte trainieren, es kräftiger machen, belastbarer und schneller.
Irgendwann wäre ich vermutlich Weltmeister im Einbeinhüpfen. Das wäre vielleiht erstrebenswert. Vorausgesetzt, ich müsste nirgends hin.
Je länger ich darüber nachdachte, desto absurder erschien mir dieser Gedanke.
Denn das Ziel wäre ja nicht ein besonders starkes rechtes Bein zu haben. Das Ziel wäre, wieder gehen zu können.
In letzter Zeit höre ich dauernd, wer ganz links ist. Wer ganz rechts ist. Wer Schuld ist. Wer gefährlich ist. Wer verhindert, dass endlich etwas weitergeht.
Was ich erstaunlich selten höre, ist die Frage, wohin wir eigentlich gemeinsam gehen wollen.
Denn wenn zwei Beine nur noch damit beschäftigt sind, dem anderen nachzuweisen, warum er noch schlechter läuft, bringt es am Ende niemanden ans Ziel.
Vielleicht beginnt Gehen genau dort, wo das rechte Bein aufhört, gegen das linke gewinnen zu wollen. Und das linke aufhört, dem rechten beweisen zu müssen, dass es eigentlich gar nicht gebraucht wird.
Schließlich hat mir das schon als Kind jemand beigebracht.
Rechts – links – rechts – links.
Damals ging es erstaunlicherweise einfach nur ums Vorwärtskommen.
Warum wir heute glauben, dass man ein gemeinsames Ziel erreicht, indem man ständig darüber diskutiert, welches Bein das schlechtere ist, weiß ich nicht.
Naja, irgendwer wird sich schon etwas gedacht haben dabei, ich muss das ja nicht verstehen.
