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Ich hab da so eine Theorie über Leistungsträger

Kolumne „Ich hab da so eine Theorie über Leistungsträger“ von Hanna Fiedler über Arbeit, Verantwortung, Vermögen und gesellschaftliche Wertvorstellungen.

Eine Kolumne aus der Reihe „Ich hab da so eine Theorie“ über Leistungsträger, Vermögen, Verantwortung und die Frage, warum manche Beiträge zur Gesellschaft deutlich leichter zu tragen scheinen als andere.

Ich weiß noch nicht, ob sie stimmt. Aber sie lässt mich nicht in Ruhe.

Man hört ja ständig, dass in diesem Land alle ihren Beitrag leisten müssen. Das klingt vernünftig. Fast beruhigend. Vor allem, wenn es Menschen mit ernster Stimme sagen. In Fernsehdiskussionen, in Pressegesprächen und bei Interviews, in denen jemand das Wort „Leistungsträger“ so behutsam ausspricht, als wäre es ein sehr empfindliches Tier, das keinesfalls erschreckt werden darf.

Interessant wird es erst, wenn man anfängt, nachzuschauen, was mit diesem Begriff eigentlich gemeint ist.

Zum Beispiel beim Steuerberater.

Der Kugelschreiber tippt. Einmal, zweimal, mehrmals. Kleiner Punkte entstehen auf dem Ausdruck, dann noch einer, dann noch einer, während er nachdenkt. Die Seite ist schon ganz voller solcher Punkte. Einkommensteuer, Lohnabgaben, Vorauszahlungen, Mitarbeiterkosten, Unternehmenssteuern, Energiekosten, Nachzahlungen. Er tippt weiter, ohne es zu merken.

Das Radio läuft leise. Irgendwo zwischen zwei Nachrichten sagt jemand mit fester Stimme: Leistung muss sich lohnen.

Den Satz hört man seit Wochen. Aus verschiedenen politischen Richtungen, mit einer Regelmäßigkeit, die langsam an Körperverletzung grenzt.

Der Kugelschreiber tippt.

Dann, fast nebenbei, zwischen zwei Ausdrucken: „Der Bruder lässt sich ja auch schon eine Weile nicht mehr blicken. Schöne Grüße, wenn Sie ihn sehen.“

Der Bruder. Der andere Sohn. Der, dessen Verhältnis zum Familienunternehmen sich hauptsächlich über das Wort Erbe definiert. Nicht über Lohnsteuer, über Mitarbeiter, oder über Quartalstermine, vor denen man die halbe Nacht sitzt.

Beide haben geerbt. Das ist der Punkt, an dem meine Theorie beginnt, mich wirklich zu beschäftigen.

Der eine hat mit dem Erbe auch die Verantwortung übernommen. Dazu gehört die Verantwortung für die Mitarbeiter. die rechtzeitige und richtige Berechnung der Abgaben. Das Risiko, die Buchhaltung, die nie ganz zur Ruhe kommt. Er trägt, was das Wort Leistungsträger eigentlich verspricht.

Der andere hat das Vermögen übernommen, im gleichen monetären Wert.

Der Kugelschreiber tippt noch einen Punkt auf die Seite.

Gesellschaftlich gelten beide als privilegiert. Was ja auch wirklich stimmt. Nur auf sehr unterschiedliche Weise.

Wer arbeitet, zahlt. Das erkennt das System sofort und schneidet auch sofort mit. Einkommensteuer, Lohnsteuer, Sozialversicherung. Das funktioniert reibungslos. Dafür hat man gut vorgesorgt. Wer hauptsächlich besitzt, zahlt auch, nur anders. Mit mehr Spielraum. Und ohne Steuerberatungstermin, bei dem jemand mit einem punktierenden Kugelschreiber erklärt, dass das Finanzamt das mittlerweile strenger sieht.

„Natürlich muss jeder seinen Beitrag leisten“, sagt das Radio noch einmal.

Ich glaube, ich habe das Leistungsprinzip wirklich falsch verstanden. Augen auf bei der Berufswahl.

Aber, irgendwer wird sich dabei schon etwas gedacht haben, ich muss es ja nicht verstehen.

🎧Hörfassung dieser Kolumne

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