Ich hab da so eine Theorie über Hitze

Ich hatte einen Termin.

Eigentlich nichts Besonderes. Duschen, Haare waschen, anziehen, ein bisschen Farbe ins Gesicht und los. Ein Vorgang, den ich in meinem Leben schon so oft erledigt habe, dass ich bisher keinen Anlass gesehen hatte, dafür eine besondere Planung vorzunehmen.

Draußen hatte es seit Tagen zwischen 38 und 40 Grad.

Ich stand also unter der Dusche, hatte gerade Shampoo in den Haaren und war gedanklich schon bei der Frage, was ich anziehen sollte, als plötzlich dieser Alarm losging.

Laut, sehr laut, so laut, dass man einen Alarm auch dann ernst nimmt, wenn man nackt unter der Dusche steht und eigentlich gern zuerst noch das Shampoo aus den Haaren bekommen würde. Gleichzeitig wurde das Wasser kalt.

Ich drehte daran herum, wie man eben an Dingen herumdreht, von denen man hofft, dass sie dadurch wieder funktionieren.

Nichts, der Alarm machte weiter.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt weder, warum er losgegangen war, noch was meine Gastherme mit den fast vierzig Grad draußen zu tun haben könnte. Ich wusste nur, dass irgendein Gerät in meiner Wohnung offenbar der Meinung war, ich sollte jetzt etwas tun.

Also Wasser aus, Badetuch herum und hinaus.

Mit nassen Haaren, im Badetuch, auf den Gang.

Es gibt vermutlich würdevollere Arten, seinen Nachbarn zu begegnen.

Ich stand dort also barfuß, tropfend und einigermaßen ratlos und versuchte herauszufinden, ob ich gerade ein technisches Problem hatte oder besser das Haus verlassen sollte.

Irgendwann erfuhr ich dann, was dahintersteckte.

Bei großer Hitze kann es bei Gasthermen Probleme mit den Abgasen geben. Kohlenmonoxid kann in die Wohnung gelangen. Man sieht es nicht, man riecht es nicht und man sollte ihm trotzdem besser nicht persönlich begegnen.

Bis dahin hatte ich geglaubt, mein größtes Problem an diesem Vormittag wären meine nassen Haare und der Termin.

Das relativierte sich und seitdem weiß ich: Wenn es draußen wirklich heiß ist, dusche ich entweder sehr spät in der Nacht oder sehr früh am Morgen. Um fünf zum Beispiel.

Gefällt mir nicht besonders, aber ich kann das.

Und genau an dieser Stelle begann mich die Sache erst wirklich zu beschäftigen.

Denn ich kann mir aussuchen, wann ich dusche.

Was macht aber jemand, der das nicht kann?

Jemand, der eine Heimhilfe braucht, um überhaupt unter die Dusche zu kommen. Der Hilfe beim Ausziehen, beim Einsteigen, beim Waschen oder beim Abtrocknen benötigt.

Der kann schwer am Abend vorher anrufen und sagen:

„Morgen bitte um fünf. Da wäre es für meine Gastherme gerade günstig.“

Heimhilfen kommen, wenn sie eingeteilt sind.

Und wenn das um elf Uhr vormittags ist, dann ist es um elf.

Wenn es um zwei ist, dann um zwei.

Auch wenn draußen seit Tagen beinahe vierzig Grad herrschen.

Seit meinem Auftritt im Badetuch auf dem Gang denke ich deshalb ein bisschen anders über Hitze in der Stadt nach.

Vor allem über die Art, wie wir damit umgehen.

Wir asphaltieren Flächen, pflastern Plätze, bauen Fassaden, zu denen die Sonne den ganzen Tag freie Bahn hat, und wundern uns anschließend darüber, dass sich alles aufheizt.

Und dann überlegen wir, wie wir die Wohnungen wieder kühler bekommen.

Mit Klimaanlagen zum Beispiel.

Aber die brauchen Strom, geben zusätzlich warme Luft nach draußen ab und sorgen damit zumindest dafür, dass es drinnen angenehmer wird. Draußen darf es einstweilen ruhig noch ein bisschen wärmer werden. Man muss Prioritäten setzen.

Und genau da begann ich wieder einmal Häuser anzuschauen.

Das mache ich gern. Andere Menschen schauen Schaufenster an, ich schaue Fassaden an und frage mich, warum etwas so gebaut wurde, wie es gebaut wurde.

Dabei musste ich an Häuser denken, wie man sie in südlicheren Ländern häufiger sieht. Mit Balkonen, die vor der eigentlichen Fassade stehen. Teilweise auf Stützen. Breit genug, dass man dort tatsächlich sitzen kann, vielleicht sogar Pflanzen Platz haben und der Balkon darüber dem Fenster darunter Schatten gibt, gleichzeitig aber weder die Fußgänger, die Radfahrer oder den fließenden Verkehr behindern und auch keinen Parkplatz verstellen.

Schatten wäre bei fast vierzig Grad jetzt nicht die schlechteste Erfindung.

Dann begann mein Gehirn wieder einmal weiterzubauen.

Wenn da dann schon so ein Balkon steht, könnte dort Erde sein. Richtige Erde, Pflanzen, grün vor einer Fassade, die sonst stundenlang Sonne sammelt.

Und vielleicht könnte man an geeigneten Stellen sogar Photovoltaik anbringen. Also Strom erzeugen, mit der Sonne.

Mit genau der Sonne, wegen der wir gleichzeitig mehr Strom brauchen, um die Wohnungen wieder zu kühlen.

Ich weiß natürlich, dass man nicht einfach vor jedes Haus einen Balkon stellen kann. Wahrscheinlich gibt es Häuser, bei denen es technisch nicht geht, Straßen, die zu schmal sind, Fassaden, an die niemand etwas bauen darf, und spätestens nach diesem Satz könnte mir vermutlich jemand einen Stapel Vorschriften auf den Tisch legen, der höher ist als mein Schreibtisch.

Aber die Grundidee lässt mich trotzdem nicht los.

Denn wir reden darüber, Geld dafür in die Hand zu nehmen, Wohnungen nachträglich zu kühlen.

Warum reden wir so wenig darüber, Häuser nachträglich zu beschatten?

Warum scheint eine Maschine, die Strom braucht, um Hitze wieder hinauszubringen, plötzlich realistischer als etwas, das dafür sorgt, dass weniger davon hineinkommt?

Und vor allem: Wenn wir ohnehin beginnen müssen, unsere Städte an solche Sommer anzupassen, warum denken wir dann jedes Problem einzeln?

Hier die Klimaanlage, dort die Begrünung, irgendwo Photovoltaik. Und vielleicht später noch die Beschattung.

Vier Probleme, vier Maßnahmen, vier Förderungen, vier Zuständigkeiten und wahrscheinlich mindestens vier Formulare.

Dabei könnte ein einziger Vorstellbalkon einiges davon miteinander verbinden.

Nämlich Schatten für die Wohnung. Platz für Pflanzen, vielleicht sogar Stromerzeugung.

Und ganz nebenbei sogar einen Balkon für Menschen, die bisher keinen haben.

Ich gebe zu, spätestens an dieser Stelle wird meine Theorie vermutlich unangenehm für jene, die lieber für jedes Problem eine eigene Lösung verwalten.

Vielleicht ist das auch viel zu einfach gedacht.

Aber ich stand vor einigen Tagen halbnackt und mit nassen Haaren auf meinem Gang, weil es draußen fast vierzig Grad hatte und meine Gastherme Alarm schlug.

Seitdem habe ich ein gewisses Interesse an einfachen Lösungen entwickelt.

Vor allem an solchen, bei denen wir nicht zuerst etwas heiß werden lassen, um anschließend viel Geld dafür auszugeben, es wieder herunterzukühlen.

Aber wahrscheinlich wird sich auch dabei schon jemand etwas gedacht haben.

Ich muss das ja nicht verstehen.

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