Ich hab da so eine Theorie über Arbeit
Sie begann mit einem Satz unseres Bundeskanzlers, über den ich zuerst einfach drübergelesen habe.
„Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit.“
Ein Satz, wie Politiker und Politikerinnen eben manchmal Sätze sagen. Man liest ihn, hört ihn, nimmt ihn zur Kenntnis, ärgert sich vielleicht kurz, scrollt weiter und widmet sich wieder den wirklich wichtigen Dingen des Lebens, zum Beispiel der Frage, warum die Waschmaschine ausgerechnet dann piepst, wenn man gerade telefoniert.
Dann kam die Entschuldigung, der Satz sei falsch gewesen.
Und damit hatte ich ein Problem, abgesehen davon, dass er sich sowieso nur bei denen entschuldigt hat, die sich verletzt oder beleidigt fühlen.
Und dann interessierte es mich plötzlich, welcher Teil davon falsch gewesen war.
Kinderbetreuung? Arbeit? Unbezahlt?
Ich las den Satz noch einmal, suchte einen Audiobeweis, checkte die Quellen.
Kinderbetreuung ist keine unbezahlte Arbeit. – Also gut.
Wenn sie keine unbezahlte Arbeit ist, könnte sie bezahlte Arbeit sein.
Das wäre erfreulich.
Vor allem für jene Menschen, die seit Jahren Kinder betreuen und möglicherweise bislang bloß vergessen haben, regelmäßig auf ihr Konto zu schauen.
Vielleicht gibt es da irgendwo einen Arbeitgeber, oder einen Auftraggeber für das EPU „Kinderbetreuung“
Vielleicht sitzt der in einer Behörde und überweist monatlich ein Gehalt, von dem erstaunlich viele Eltern noch garnichts wissen. Vielleicht erfolgt die Bezahlung bar.
Das wäre allerdings unangenehm. Wegen Finanzamt und Sozialversicherung.
Ich stellte mir vor, wie in österreichischen Haushalten plötzlich Frauen hektisch Schubladen öffnen.
„Du, weißt du eigentlich, wo meine Lohnzettel von 2004 bis 2026 sind?“
Der Mann schaut vom Fernseher auf.
„Welche Lohnzettel?“ „Na von der Kinderbetreuung.“ „Du hast dafür Geld bekommen?“ „Offenbar. Der Bundeskanzler hat gesagt, es sei keine unbezahlte Arbeit.“
Dann wird es still.
Diese Stille, in der zwei Menschen gleichzeitig überlegen, ob sie seit zwanzig Jahren ein steuerrechtliches Problem haben.
Vielleicht liegt das Geld auch irgendwo. Vielleicht sogar gemeinsam mit den einzelnen Socken, die seit Jahren in Waschmaschinen verschwinden.
Man weiß ja nie.
Ich habe dann weitergedacht.
Das war vermutlich mein Fehler.
Denn wenn Kinderbetreuung Arbeit ist und bezahlt wird, müsste sich eigentlich klären lassen, wer Auftraggeber oder Auftraggeberin ist.
Das Kind scheidet vermutlich aus.
Zumindest in den ersten Lebensjahren dürfte es mit der Lohnverrechnung Schwierigkeiten haben.
Der andere Elternteil wäre möglich.
Allerdings stelle ich mir die Kollektivvertragsverhandlungen schwierig vor.
„Ich hätte gern drei Wochen Urlaub.“ „Geht nicht, die Kinder sind da.“ „Dann wenigstens Zeitausgleich.“ „Wann?“ Gute Frage.
Vielleicht bezahlt auch der Staat.
Familienbeihilfe wäre allerdings ein eigenartiges Gehaltsmodell. Schon deshalb, weil die Höhe des Betrages kaum davon abhängt, ob das Kind friedlich acht Stunden schläft oder innerhalb eines Nachmittags den Hund mit Filzstift bemalt, einen Legostein verschluckt, zweimal erbricht und beschließt, ab sofort nur noch Nudeln ohne Sauce zu essen.
Leistungsbezogene Bezahlung sieht anders aus.
Also blieb noch die Möglichkeit, dass Kinderbetreuung vielleicht gar keine Arbeit ist.
Auch interessant.
Dann müsste man nur noch herausfinden, ab welchem Punkt sie Arbeit wird.
Nehmen wir eine Pädagogin.
Sie betreut Kinder, hört zu, tröstet, erklärt, schlichtet Streit, hilft beim Anziehen, beobachtet Entwicklungen, erkennt Probleme, bereitet Dinge vor, räumt Dinge weg und versucht am Ende des Tages, ungefähr dieselbe Anzahl Kinder an die richtigen Erwachsenen zurückzugeben.
Arbeit.
Die Mutter holt eines dieser Kinder ab.
Zu Hause hört sie zu, tröstet, erklärt, schlichtet Streit, hilft beim Anziehen, beobachtet Entwicklungen, erkennt Probleme, bereitet Dinge vor, räumt Dinge weg und versucht am Abend, dieses eine Kind irgendwann ins Bett zu bekommen.
Kinderbetreuung.
Irgendwo zwischen Kindergartentür und Wohnungstür muss also etwas passieren.
Vielleicht befindet sich dort eine unsichtbare arbeitsrechtliche Grenze.
Links davon Erwerbsarbeit. Rechts davon Familie.
Ähnliches dürfte in Küchen passieren.
Wer für fremde Menschen Kartoffeln schält, Gemüse putzt, Fleisch brät, Töpfe überwacht und anschließend die Küche reinigt, arbeitet in der Gastronomie.
Wer dasselbe für Menschen tut, mit denen er verwandt ist, kocht halt.
Wobei das Wort „halt“ gesellschaftlich vermutlich eine der kostengünstigsten Erfindungen überhaupt ist.
Man kocht halt. Man wäscht halt. Man kauft halt ein. Man kümmert sich halt. Man organisiert halt.
Man bringt halt schnell die Oma zum Arzt.
Dieses „schnell“ ist übrigens auch interessant.
„Kannst du Mama schnell zum Arzt bringen?“
Natürlich.
Hinbringen, Parkplatz suchen, hineinbegleiten, warten, Arztgespräch, Apotheke, wieder zurückbringen.
Schnell.
Drei Stunden.
In einem Unternehmen würde man dafür vermutlich einen halben Arbeitstag verbuchen.
In der Familie sagt jemand am Abend:
„Was hast du eigentlich heute gemacht?“
Ich begann langsam zu verstehen, warum der Satz mich so beschäftigt hatte.
Denn dieses seltsame Verwandlungssystem funktioniert ja auch in der Pflege.
Eine Pflegekraft hilft einem Menschen beim Waschen, beim Anziehen, beim Essen, achtet auf Medikamente, beobachtet Veränderungen, dokumentiert, organisiert und übernimmt Verantwortung.
Das ist Arbeit.
Macht die Tochter dasselbe beim Vater, ist sie Angehörige.
Wenn sie nachts dreimal aufsteht, weil er Hilfe braucht, hatte sie eben eine schlechte Nacht.
Wenn eine Pflegekraft dreimal nachts aufstehen muss, gibt es dafür hoffentlich einen Nachtdienst.
Und irgendwo dazwischen steht immer wieder diese merkwürdige Frage, die offenbar niemand so recht beantworten möchte:
Was genau macht Arbeit eigentlich zu Arbeit?
Die Anstrengung, die Verantwortung, die Zeit, die Ausbildung, der Nutzen, oder das Geld?
Denn beim Geld wird es überhaupt spannend.
Viele der Tätigkeiten, die in Familien selbstverständlich erledigt werden, existieren auch als Berufe.
Kinder betreuen, Menschen pflegen, Kochen, Putzen.
Organisieren, Termine koordinieren, Einkaufen, Menschen fahren, Kranke versorgen.
Und sobald jemand dafür angestellt wird, gibt es dafür Berufsbezeichnungen, Dienstzeiten, Lohnzettel, Sozialversicherung und manchmal sogar Zulagen.
Zu Hause gibt es dafür einen Satz.
„Kannst du noch schnell …?“
Vielleicht liegt darin tatsächlich der Unterschied.
Arbeit beginnt dort, wo jemand anderer dafür bezahlen muss.
Solange jemand sie gratis erledigt, ist sie offenbar Alltag.
Das wäre zumindest wirtschaftlich ausgesprochen praktisch.
Man stelle sich nur vor, all diese Tätigkeiten würden morgen aufhören.
Kein Kind wird abgeholt, keine Mutter zum Arzt begleitet, kein Vater bekommt seine Medikamente hergerichtet.
Niemand bleibt beim fiebernden Kind, keiner kauft für die Großmutter ein, kein Essen steht am Tisch.
Kein Termin wird vereinbart, keine Wäsche gewaschen, kein Mensch springt ein, weil jemand anderer ausfällt.
Ich vermute, unsere Wirtschaft würde diesen Unterschied zwischen Arbeit und Nichtarbeit innerhalb weniger Stunden neu diskutieren.
Wahrscheinlich irgendwann gegen halb neun.
Wenn die ersten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anrufen und sagen, dass sie heute leider nicht kommen können.
Weil zu Hause jemand jene Tätigkeit erledigen muss, die offenbar keine unbezahlte Arbeit ist.
Ich habe den Satz inzwischen wirklich oft gelesen.
Kinderbetreuung ist keine unbezahlte Arbeit.
Und ich glaube, ich weiß noch immer nicht, welcher Teil davon eigentlich falsch war.
Vielleicht hätte ich aber auch einfach bei der ersten Meldung weiterscrollen sollen.
Dann hätte ich jetzt wenigstens kein Problem mit meiner Theorie.
Aber vermutlich wird schon irgendjemand wissen, was Arbeit ist.
Ich muss es ja nicht verstehen.
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