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Ich hab da so eine Theorie über das Gleiche

Eine Kolumne aus der Reihe „Ich hab da so eine Theorie“ über Liebe, Erinnerungen und die erstaunliche Fähigkeit mancher Menschen, bei anderen etwas völlig anderes zu sehen als bei sich selbst.

Ich weiß noch nicht, ob sie stimmt. Aber seit ein paar Tagen lässt sie mich gar nicht mehr los.

In der Zeitung stand, dass bei der Regenbogenparade in Wien vor einigen Tagen zehntausende Menschen waren. Ich hab das gelesen, so wie man auch andere Meldungen liest. Kurz wahrnehmen, dann zur Kenntnis nehmen und gleich wieder weiterblättern. Dann hab ich in den sozialen Medien einen Post gesehen. Ein Mann schrieb, er würde es nie zulassen, seine Tochter so mit einer Frau zu sehen. Dieser Satz bahnte sich den Weg von meinen Augen in den Teil des Gehirns, wo mein Sprachverständnis die Worte bilden und aufnehmen konnte, und dort hakte es sich eine Weile fest. Was meinte er damit bloß? Ich versteh da, glaub ich, schon wieder irgendetwas nicht.

Und dann dachte ich an einen Brief, einen, den vielleicht eine Tochter schreiben könnte. Einen Brief an ihren Vater, und der könnte vielleicht so aussehen:

Papa, kannst du dich noch erinnern, als ich klein war und wir gemeinsam in der Küche standen? Du hast Gulasch gekocht. Ein echt scharfes Gulasch, wie es das schon bei dir zu Hause gab, als du ein kleiner Bub warst. Und du hast mich kosten lassen. Ich konnte es kaum essen, so scharf war es, und du hast gelacht und gesagt: „Koste einfach öfter, dann gewöhnst du dich daran und dann wird es dir auch schmecken. Es ist einfach gut, mir schmeckt’s ja auch.“

Da habe ich überall Scharfes probiert. Pfefferoni, Chili, Pfeffer, sogar Wasabi. Wo immer sich die Gelegenheit bot, fand irgendetwas Scharfes in meinen Mund. Und beim nächsten Gulasch hat es mir tatsächlich geschmeckt.

Du warst so stolz. „Mein Mädchen. Was ich mag, mag sie halt auch. Eine echte Müller Meier eben“, hast du alle wissen lassen.

Und dann der Stinkekäse. Jedes Mal, wenn ich den Kühlschrank aufgemacht hab, musste ich mir die Nase zuhalten. Du hast immer schallend gelacht. „Na, koste doch einfach, der schmeckt wirklich. Ich mag ihn ja auch.“ Und du hattest recht, der Geschmack war gar nicht so schlecht wie der Geruch.

„Siehst du“, hast du gesagt, „wenn es für mich gut ist, dann mag es mein Mädchen doch auch. Kann ja gar nicht anders sein. Du bist doch eine echte Müller Meier.“

Das war dann beim Schnaps genauso und bei der Mechatronikerlehre, die ich unbedingt machen wollte. Mein Papa ist ja auch Mechaniker, und was für dich gut war, das war es schließlich auch für mich.

Und Mama? Du hast gesagt, du hast das Liebe geheiratet. Hast dich ganz schnell verliebt damals. Sie hatte so ebenmäßige Haut, so gleichmäßige Gesichtszüge, so volle Lippen. Einen großartigen Körper, so großartig, wie es eben nur Frauen haben können, hast du gesagt.

Meine Freundin ist genauso perfekt, Papa. Und ich will sie heiraten. Warum soll ich denn jetzt was anderes gut finden als du? Ich bin doch eine echte Müller Meier.

Dieser Brief wurde von einer unbekannten Tochter geschrieben, nicht von mir, aber ich hab lang daran gedacht.

Es gibt Menschen, die sehr genau wissen, was richtig ist, was normal ist. Sie wissen genau, was einer Tochter guttut und was nicht. Menschen, die an Traditionen festhalten, an Werten und dem, was schon immer so war. Es ist ihr gutes Recht.

Nur frage ich mich manchmal, wo genau das Gleiche seine Grenzen hat.

Das Gulasch war gut, also war es auch für die Tochter gut. Der Käse, der Schnaps, der Beruf, ebenso.

Die Liebe zu einer Frau mit ebenmäßiger Haut und vollen Lippen, auch gut, aber nur für den Vater. Denn da gilt das „Gleich“ plötzlich nicht mehr. Irgendwo zwischen dem Schnaps und der Freundin liegt offenbar die Grenze. Ich habe nur nicht herausgefunden, wo. Und wer sie gezogen hat. Und warum genau dort?

Warum das überhaupt so ist? Tja. Ich muss es ja nicht verstehen.

Hörfassung dieser Kolumne

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