Die Frau mit Öffnungszeiten rund um die Uhr
Eine Kolumne aus der Reihe „Ich hab da so eine Theorie“ über Demenz, Angehörigenpflege und die erstaunliche Tatsache, dass fast jede Aufgabe eine Vertretung hat. Außer manche Töchter.
Vor einigen Tagen rief mich eine Frau an, deren Vater seit Jahren eine Demenzdiagnose hatte. Sie klang müde und hatte endlich den Mut gefasst, sich mit mir zu unterhalten. Sie habe gehört, dass ich selbst in einer solchen Position gewesen sein soll und nun anderen Angehörigen ein offenes Ohr leihe und man mit mir reden könne, ohne bewertet zu werden.
Ja, genau das ist mein Ziel und daher gehören solche Gespräche auch zu meinem Alltag. Eine ganze Weile sprachen wir über Demenz im Allgemeinen, über diverse Demenzformen und Auswirkungen im Besonderen. Wir unterhielten uns über Tagesbetreuung und die Frage, wie lange „das“ noch funktionieren könnte. Das ist übrigens eine Frage, die viele Pflegende beschäftigt und die niemand wirklich beantworten kann. Aber die Frage ist sowieso nur rhetorisch, weil eigentlich will in der Situation gar niemand eine Antwort.
Irgendwann in diesem Gespräch fiel von ihrer Seite dann aber auch ein Satz, der mich einfach nicht mehr loslässt. „Ich hätte an diesem Tag ja eigentlich im Bett liegen sollen, aber …“. Sie sagte das so beiläufig, dass es auch mir erst einige Sätze später wirklich bewusst geworden war. Sie sagte es so, als hätte das gar keinen Zusammenhang mit dem Grund ihres Anrufes. Naja, vielleicht war er das auch nicht wirklich, aber mich beschäftigte er.
Während ich ihr mit dem größten Teil meiner Aufmerksamkeit genau zuhörte, was sie weiter erzählte, fuhr dieser Satz im Rest meines Gehirns Achterbahn. „Ich hätte sollen im Bett liegen“, „im Bett bleiben“, „liegen bleiben“. Und sie erzählte weiter: „An diesem einen Tag in der Früh bin ich mit Fieber aufgewacht. Mein Kopf dröhnte, als hätte man die neue Landebahn des Flughafens soeben hinter meiner Stirn in Betrieb genommen und beim ersten Versuch, meine Beine sinnvoll zu nutzen, um aufzustehen, war die Konsistenz der Gliedmaßen über Nacht in Pudding verwandelt worden“.
Trotzdem musste ihr Vater schnell ausgehfertig gemacht werden, damit der Abholdienst nicht zu lang auf ihn warten musste. Ihre Energieengel, nannte sie die jungen Herren, die das taten, und die jungen Frauen und Männer, die in der Tagesbetreuung die Menschen mit diesen Diagnosen beschäftigen und begleiten. Sechs Stunden, ohne sich Gedanken machen zu müssen, was zu tun ist, was geschehen könnte, wofür man sich wieder entschuldigen muss.
„Tschüss Paps, hab einen schönen Tag“, flüsterte sie ihm ins Ohr und dann schloss sie die Türe. Einmal tief durchatmen und dann die erforderliche Reihenfolge bei Erkrankung einer Mitarbeiterin in die Wege leiten, das war jetzt das nächste Programm, das sie einfach abspulte. Schließlich war sie die Chefsekretärin in diesem Baugerätebetrieb und der Chef verließ sich in allen Agenden auf sie. Aber diesmal musste sie sich einfach krankmelden, denn sie tat sich schon schwer, auch nur die Augen offen zu halten.
Also, der erste Schritt musste sein, den Arzt zu kontaktieren, damit sie einen Termin und eine Krankschreibung bekommen würde. Doch bereits am Anrufbeantworter der Ordination konnte sie nur hören, dass diese wegen Urlaubs geschlossen war. Mit den Gedanken schon beim nächsten Schritt der Liste, die zu erledigen war, schrieb sie sich die Nummer seiner Vertretung auf, die am Ende des Bandes zu hören war. Sie brauchte gar keinen Termin, weil schon ihre Stimme und die Art, wie sie sprach, den Vertretungsarzt von der tatsächlichen Erkrankung überzeugte, sodass er ihr die erforderliche Bestätigung ausstellte.
Also war der nächste Schritt die Verständigung ihres Dienstgebers: „Bleiben Sie zu Hause und werden Sie schnell gesund“, meinte Herr Quester, der Chef des Unternehmens, „wir kriegen das schon hin“. Und als sie mir das erzählte, musste sie auch ein wenig lachen.
„Im Job ist es ja auch selbstverständlich, dass umorganisiert wird, wenn jemand ausfällt.“
Na gut, ihr Vater war in der Tagesbetreuung, ihr Chef war informiert, die Krankschreibung war erfolgt und einen Tee hatte sie sich auch schon gebrüht. Heiß, mit etwas Zitrone und einem großen Löffel Honig gesüßt. Endlich konnte sie mit ihrer flauschigen Kuscheldecke, zusammengerollt auf ihrer Couch, die Augen schließen und hoffen, dass ihr Kopf nun entweder komplett platzen würde, sodass sie an nichts mehr denken müsste, oder aber es gestattet zu schlafen, ein paar Stunden, bis der Schmerz und die Erschöpfung geringer sein würden.
Und dann, sie wachte gerade auf und wollte zur Teetasse greifen, da klingelte das Telefon. Am Display konnte sie verschwommen die Nummer der Tagesbetreuung sehen.
Wer Angehörige begleitet, scheint zu spüren, was solche Anrufe bedeuten. Sie erzählte mir, dass sie bereits beim Anstimmen des Klingeltones wusste, dass etwas passiert sein musste. „Wissen Sie, die Mitarbeiterin, die mich angerufen hatte, war so freundlich“, betonte sie mehrmals. „Aber was sollte die schon tun?“ Diese Mitarbeiterin erklärte ihr, dass der Vater einen schlechten Tag haben und sich entsprechend benehmen würde. „Zuerst hat er einen anderen Gast angeschrien und dann, als ihm der Platz, an dem eine junge neue Mitarbeiterin ihm den Getränkebecher zum Essen hinstellen wollte, nicht gefiel, hat er diese tätlich angegriffen“, beschwerte sie sich bei der Tochter.
„Natürlich konnten Sie ihn an dem Tag dort nicht behalten, das versteh ich“, erklärte mir die Frau.
Ich nickte, weil sie recht hatte. Menschen mit Demenzdiagnose suchen sich solche Tage nicht aus. Mitarbeiter der Tagesbetreuung aber auch nicht. Irgendwann gibt es einfach Situationen, die weder für andere Gäste noch für die Mitarbeitenden zumutbar sind. Also konnten sie ihn dort natürlich nicht behalten. Zumutbar sind solche Situationen nur für die Tochter, schoss es mir durch den Kopf.
„Tut mir leid, aber wir brauchen jemanden, der Ihren Vater abholt, und zwar jetzt.“ Das war ein Satz, der mich auch in nächster Zeit immer wieder durch den Kopf geht. Der parkt gleich neben: „Ich hätte an diesem Tag ja eigentlich im Bett liegen sollen, aber …“.
Die Anruferin erzählte mir dann auch noch, dass selbst der Hinweis, dass sie selbst Fieber hat, krankgeschrieben ist und im Bett bleiben sollte, keine Änderung der Situation nach sich gezogen hat. Nach einer kurzen Pause am Telefon war klar, ihr Vater musste abgeholt werden.
Also stand sie auf, zog sich an, nahm einen Schluck vom Tee, der in der Zwischenzeit schon kalt geworden war und sich nun picksüß den Weg vom Mund in den Rachen bahnte. Dann griff sie zu den Autoschlüsseln, die dort lagen, wo sie immer lagen, und zur Jacke, die dort hing, wo sie immer hing. Das Fieber war immer noch da, doch die Verantwortung auch.
Kurz unterbrach ich sie in ihrer Erzählung und fragte sie, wie sie das damals eigentlich geschafft hat. Sie lachte, nicht fröhlich, sondern eher sehr überrascht, dass es diese Frage überhaupt gibt. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, meinte sie daraufhin.
Kurz schwieg sie und ich wollte diese entstandene Ruhe auch nicht unterbrechen. Doch dann flüsterte sie fast ihr Fazit: „Der Arzt hat eine Vertretung, der Busfahrer hat eine Vertretung, die Betreuerin im Tageszentrum hat eine Vertretung, die Kassierin im Supermarkt auch und selbst der Briefträger. Auch ich, zumindest das ‚Chefsekretärinnen-Ich‘. Aber als Tochter habe ich keine.“
Als wir dann später das Gespräch beendet hatten, dachte ich noch eine Weile an den kalten Tee auf dem Couchtisch. Auch ließ mich die Stimme der Tochter nicht los, die vom nicht so guten Tag des Vaters erzählte und die eigentlich im Bett liegen hätte sollen.
Keine Vertretung, auf Abruf bereit, also eine Frau mit Öffnungszeiten rund um die Uhr.
Ich frag mich, warum das so ist? Aber naja, ich muss es ja nicht verstehen.
🎧Hörfassung dieser Kolumne
Lieber hören statt lesen? Hier kannst du dir den Beitrag anhören.
Weitere Kolumnen aus „Ich hab da so eine Theorie“ findest du hier.
Mehr über Hanna Fiedler, ihre Bücher, Vorträge und Projekte findest du hier.
