Ich kann halt nicht anders

Ein Bub nimmt sich am Wiener Naschmarkt einen Apfel, weil er einfach nicht widerstehen kann. Seine kleine Schwester soll sich hingegen gefälligst beherrschen. Ich frage mich, ab welchem Alter wir eigentlich damit beginnen, bei manchen Menschen eine Ausnahme zu machen.

Eine kleine vierköpfige Familie geht über den Wiener Naschmarkt. Es ist ein sonniger Frühsommertag und es scheint, als hätten sich die Standbesitzer an diesem Tag besondere Mühe gegeben, ihr Obst zu präsentieren. Auch der Geruch der frischen Köstlichkeiten, der sich in den engen Wegen ausbreitet, ist äußerst verführerisch.

Der Bub der Familie, ungefähr sechs Jahre alt, entdeckt am Rand einer kunstvoll aufgestapelten Obstpräsentation, einen besonders schönen, glänzenden Apfel, nimmt ihn schnell, beißt genussvoll hinein und geht weiter.

Als seine Mutter ihn zur Rede stellt, versteht er die Aufregung überhaupt nicht. „Wenn die das Obst so schön herrichten, dann müssen sie doch damit rechnen, dass sich jemand was nimmt.“, meint er. „Ich bin schließlich auch nur ein Mensch und kann halt nicht anders, wenn das alles so glänzt und auch so gut riecht“, ergänzt er dann auch noch.

Ein paar Wochen später bedient sich seine kleine Schwester aus seiner Naschschüssel. Ihr Argument, sie habe bei all den Süßigkeiten einfach nicht widerstehen können, lässt er allerdings nicht gelten. Sie hätte sich schließlich beherrschen können. „Sie ist ja schon vier und auch schon alt genug, dass sie sich beherrschen kann. Sie weiß doch schon, dass man fremde Sachen nicht einfach nehmen darf“, beschwerte er sich weinerlich bei seiner Mutter.

Ja, Kinder haben eben manchmal ihre ganz eigene Vorstellung davon, wann man sich beherrschen kann und wann nicht.

Obwohl, ich bin mir in der Zwischenzeit nicht mehr ganz sicher, ob das tatsächlich nur bei Kindern so ist.

In letzter Zeit höre ich immer wieder, dass Männer bei bestimmten Dingen angeblich nicht anders können. Wenn eine Frau einen kurzen Rock trägt, einen tiefen Ausschnitt hat oder vielleicht auch nur besonders hübsch ist, muss sie eben damit rechnen, dass ein Mann einfach zugreift. Männer seien schließlich Männer.

Ein bisschen verwundert bin ich dann aber schon. Denn wenn das so sein sollte, müsste das doch eigentlich auch bei anderen Dingen und auch umgekehrt funktionieren.

Wenn ich beispielsweise bei einem Bekannten zu Besuch bin und auf dem Küchentisch liegt, seine Geldbörse liegt, aus der ein paar 100er herausschauen, dann könnte ich mir doch einfach einen nehmen. Immerhin hätte er damit rechnen müssen, wenn er sein Geld so offen herumlegen lässt. So ein Geldschein kann einen schließlich schon anlachen. Besonders gegen Monatsende.

Und wenn er ohnehin mehr Geld hat als ich, steht mir vielleicht sogar was davon zu. Er hätte ja nicht so viel davon haben und es dann noch so offen zur Schau stellen müssen.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Polizei diese Erklärung genauso einleuchtend finden würde wie manche Menschen die Erklärung mit dem kurzen Rock. Ich glaube, das müsste ich einmal recherchieren.

Noch interessanter würde es werden, wenn ich bei einer Freundin zu Besuch bin und ihre neue Handtasche sehe. Sie hat so viele davon und ich hätte auch gern so eine. Warum sollte ich mich eigentlich zurückhalten? Gut, ich könnte sie fragen, ob sie sie mir zumindest einmal borgt, aber. wenn ich sie einfach nehme, müsste sie doch verstehen, dass ich nicht anders konnte. Sie hätte das begehrte Stück schließlich auch im Schrank liegen lassen können oder zumindest zudecken.

Ich frage mich gerade, ob sie mich danach noch jemals wieder einladen würde.

Und wie ist es dann eigentlich mit dem Ärgern?

Wenn mich jemand so richtig auf die Palme bringt und stichelt und immer wieder Dinge sagt, die ich einfach nicht hören will könnte ich ihm doch einfach eine herunterhauen. Immerhin hat er mich provoziert. Und schließlich müsste er dann damit rechnen, dass ich irgendwann nicht mehr anders kann.

Wobei ich schon vermute, dass mein Gegenüber eine solche Erklärung nicht unbedingt gelten lassen wird. Vielleicht erwartet er sogar, dass ich mich trotzdem beherrsche.

Aber jetzt wird es für mich ein bisschen kompliziert.

Offenbar erwarten wir von erwachsenen Menschen, dass sie ihre Wünsche und Gefühle einigermaßen unter Kontrolle haben.

Wir lassen sie mit Autos fahren, mit gefährlichen Maschinen arbeiten, mit Feuer hantieren, über Geld entscheiden und Verantwortung für andere Menschen übernehmen. Aber sobald es um eine Frau geht, die einem Mann gefällt oder der er seine Überlegenheit zeigen möchte, scheint das mit der Selbstbeherrschung manchmal eine ganz andere Angelegenheit zu sein.

Da höre ich dann wieder, dass Männer eben Männer sind. Und dass Frauen doch wissen müssten, wie Männer sind.

Jetzt frage ich mich natürlich, ob Männer eigentlich auch von dieser Schwäche wissen und ob sich einige von ihnen vielleicht sogar ärgern, dass man ihnen offenbar so wenig Selbstbeherrschung zutraut. Oder kommt ihnen diese Erklärung sogar ganz gelegen?

Immerhin ist es schon recht praktisch, wenn man für etwas, das man gerne tun möchte, gleich eine Entschuldigung mitgeliefert bekommt.

Wobei mir bei dem Gedanken noch was einfällt, was mich schon sehr lange beschäftigt.

Wenn ein Kind sexuell missbraucht wird, hört man manchmal Erklärungen darüber, dass der Täter seinen Trieben nicht widerstehen konnte. Jetzt frage ich mich, was das eigentlich bedeuten soll.

Soll das heißen, dass ein erwachsener Mensch sein eigenes Verhalten nicht unter Kontrolle hat und deshalb ein Kind mit den Folgen leben muss?

Ein Kind, dem wir schon im Kindergarten erklären, dass es nicht andere hauen darf, nur weil es gerade wütend ist, dass es warten muss, auch wenn es unbedingt etwas haben möchte. Ein Kind, dem beigebracht wird, dass es die Finger von Dingen lassen soll, die jemand anderem gehören.

Und bei einem erwachsenen Mann sollen wir jetzt plötzlich verstehen, dass er nicht anders konnte?

Da fällt mir wieder der kleine Bub vom Naschmarkt ein. Er musste lernen, dass er sich den Apfel trotzdem nicht einfach nehmen darf, auch wenn er noch so schön präsentiert wurde und seiner kleinen Schwester hat er selbst erklärt, dass seine Naschschüssel eben seine ist.

Ich frage mich, wann aus diesem Buben ein Mann wird, dem wir plötzlich erklären, dass er bei manchen Dingen gar nicht anders kann

Und ob er das eigentlich dann selbst auch glaubt.

Aber gut, ich muss es ja nicht verstehen.

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