Ich hab da so eine Theorie über fremde Schuhe

Porträt von Hanna Fiedler mit eingeblendetem Kolumnenthema „Fremde Schuhe“

Du musst erst einmal eine Zeit lang in seinen Schuhen gehen.“

Den Satz habe ich schon sehr oft gehört. Meist wird er mit diesem leicht
weisen Gesichtsausdruck gesagt, bei dem man sofort weiß, dass jetzt etwas
kommt, das vermutlich seit Generationen stimmt und deshalb besser nicht
hinterfragt werden sollte.

Wer mich kennt, weiß, ich habe es trotzdem getan.

Also nicht das mit dem Gehen in fremden Schuhen, sondern das mit dem
Hinterfragen.

Denn eigentlich habe ich mich schon öfter gefragt, was genau ich erkennen
würde, wenn ich tatsächlich eine Zeit lang in den Schuhen eines anderen
Menschen herumlaufe. Sind sie mir zu klein, tun mir die Zehen weh. Sind sie zu
groß, schlurfe ich darin herum und verliere wahrscheinlich spätestens an der
nächsten Gehsteigkante einen davon. Sind sie zu schmal, bekomme ich Blasen.

Und was weiß ich danach über den Menschen?

Im Grunde nur, dass seine Schuhe nicht auf meine Füße passen, ihm passen sie
möglicherweise ausgezeichnet.

Ich nehme daher an, dass dieser Satz nie ganz wörtlich gemeint war. Das wäre
zumindest beruhigend.

Gemeint ist wohl eher, dass wir versuchen sollen, die Welt eine Weile aus
der Sicht eines anderen Menschen zu betrachten. Mit seinen Erfahrungen, seinen
Möglichkeiten, vielleicht auch mit Dingen, die ihm fehlen. Erst einmal schauen,
wie es dort aussieht, bevor wir erklären, warum wir selbst die Sache viel
klarer sehen.

Aus seinen Augen und in seinen Schuhen.

Und genau da wurde es für mich interessant.

Denn wenn dieser Gedanke tatsächlich so klug ist und nachdem mir den Satz
schon einige Menschen gesagt haben, die erheblich gebildeter sind als ich, gehe
ich vorsichtshalber davon aus, dass er es ist, warum lassen wir Menschen dann
nicht viel öfter fremde Schuhe anziehen?

Am besten schon ziemlich früh.

In der Schule zum Beispiel.

Stellen wir uns eine Klasse vor, in der ein Thema diskutiert werden soll.
Eines von denen, bei denen nach ungefähr drei Minuten sowieso jeder weiß, wer
dafür ist und wer dagegen.

Das können wir Menschen erstaunlich schnell.

Manchmal brauchen wir dafür nicht einmal besonders viele Informationen. Im
Gegenteil, die könnten am Ende doch noch stören.

Also liegen auf dem Lehrertisch zwei Stapel kleiner Zettel. Auf der einen
Hälfte steht ein Plus, auf der anderen ein Minus. Alle Zettel kommen in einen
Behälter und jede:r zieht einen.

Mehr braucht es gar nicht.

Wer Plus gezogen hat, muss Argumente finden, die für das Thema sprechen. Wer
Minus gezogen hat, die dagegen. Vollkommen egal, was man selbst davon hält.

Ich stelle mir vor, dass einige Jugendliche beim Blick auf ihren Zettel
ungefähr jenes Gesicht machen würden, das normalerweise für Eltern reserviert
ist, wenn diese beiläufig fragen, wie denn die neue Freundin eigentlich heißt.

„Echt jetzt?“ „Ja, echt jetzt.“

Und dann sitzt vielleicht am Nachmittag ein Schüler zu Hause, der bis
gestern noch felsenfest davon überzeugt war, dass seine Seite
selbstverständlich die richtige ist, und sucht plötzlich Argumente für die
andere.

Das könnte so richtig unangenehm werden. Denn zwei Sätze aus irgendeinem
Internetforum würden wahrscheinlich nicht reichen. Auch eine generierte
KI-Antwort, die man ohne einen weiteren Gedanken übernimmt, wäre ein bisschen
wenig.

Man müsste Beispiele finden, Begründungen und vielleicht auch noch eine Story.
Und irgendwann müsste man verstehen, weshalb ein anderer Mensch diese Position
vertreten könnte, ohne vollkommen bescheuert, herzlos oder ahnungslos zu sein.

Und möglicherweise passiert dabei etwas ausgesprochen Seltsames. Vielleicht
sogar etwas, das für manchen Populismus ziemlich lästig wäre.

Man findet einen vernünftigen Grund.

Keinen, der unbedingt überzeuge muss. Vielleicht bleibt die eigene Meinung sogar
genau dort, wo sie vorher war. Aber auf der anderen Seite sitzt plötzlich kein
Idiot mehr. Da sitzt jemand mit einem Argument.

Ich vermute, bei manchen Themen wäre das besonders unangenehm. Bei Geld, Gesundheit,
Politik, oder Gerechtigkeit. Beim Thema Zusammenleben oder bei der Frage, was
eine Gemeinschaft einem einzelnen Menschen zumuten darf und was dieser einzelne
Mensch wiederum einer Gemeinschaft schuldet.

Und selbstverständlich gäbe es Jugendliche, die versuchen würden, sich
durchzuschummeln indem sie die Zettel so vertauschen, wie sie sie brauchen
könnten. Das gehört schließlich ebenfalls zur Bildung.

Aber fünfmal im Semester Plus- und fünfmal Minus-Diskusionen führen zu müssen,
könnte Voraussetzung für das Erreichen des Klassenziels werden.

Bei den Diskussionen, an denen man selbst gerade nicht beteiligt ist, müsste
man hinterher auf einer Seite Papier aufschreiben, welcher Position man eher
zustimmt und warum.

Oder etwas, das vermutlich noch schwieriger ist:„Ich weiß es noch nicht. Mir
fehlen  noch Informationen.“ Und dann
müsste man sogar dazuschreiben, welche.

Allein dieser Satz hätte vermutlich einen schweren Stand in unserer
derzeitigen Gesellschaft.

„Ich weiß es noch nicht“, klingt in einer Welt, in der zu beinahe allem
innerhalb weniger Sekunden eine Meinung erwartet wird, fast verdächtig. Man
könnte am Ende noch glauben, jemand hätte nachgedacht.

Vielleicht würden Schüler und Schülerinnen nach einigen Jahren solcher
Übungen auch nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass eine fremde Meinung
nur deshalb dumm sein muss, weil sie der eigenen widerspricht.

Möglicherweise würden sie sogar irgendwann merken, dass es möglich ist einen
Gedanken zu verstehen, ohne ihn
übernehmen zu müssen. Was allerdings zu gewissen Schwierigkeiten führen könnte.

Zum Beispiel zu Hause. Wenn Eltern beim Erarbeiten des Schulstoffes wieder
einmal „nur helfen“ wollen und plötzlich mit einem Kind diskutieren, das
durchaus verstanden hat, warum Papa etwas so sieht, aber trotzdem anderer
Meinung bleibt.

„Ich verstehe, warum du das so siehst.“, klingt ja noch harmlos. Aber der
Zusatz:„Ich sehe es trotzdem anders.“, da wird es schon komplizierter.

Keine Ahnung, wie man darauf angemessen mit Wut reagieren soll. Vielleicht
müsste man dann tatsächlich weiterreden.

Ich weiß nicht, ob Menschen dadurch klüger würden. Vermutlich würden sie
weiterhin oft genug falsch liegen, streiten, sich ärgern, ungerecht sein und
gelegentlich Dinge behaupten, bei denen alle anderen kurz überlegen, ob ein
tiefer Atemzug wirklich reichen wird.

Aber möglicherweise hätten sie irgendwann ein paar fremde Schuhe im Kopf.

Welche, die gedrückt haben. Welche, in denen sie dauernd gestolpert sind.

Und vielleicht auch eines dieser besonders ärgerlichen Paare, bei denen sie
nach einer Weile feststellen mussten, dass man darin überraschend gut gehen
kann.

Wir erzählen Kindern schließlich sehr früh, wie wichtig es ist, eine eigene
Meinung zu haben.

Vielleicht verwenden wir deshalb so wenig Zeit darauf, ihnen zuzumuten,
andere Meinungen wirklich kennenzulernen.

Aber wahrscheinlich wird das schon irgendeinen Sinn haben.

Ich muss das ja nicht verstehen.

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