Ich hab da so eine Theorie über „Digitalisierung“
Eine Kolumne aus der Reihe „Ich hab da so eine Theorie“ über Digitalisierung, verschlossene Türen und die bemerkenswerte Fähigkeit moderner Systeme, Menschen an sich selbst zweifeln zu lassen.
Ich bin mir ja gar nicht sicher, ob ich damit richtigliege, aber seit einigen Tagen, genau genommen seit diesem Abend, lässt der Gedanke mich einfach nicht mehr los.
Ich war in einem der wenigen wirklich Wiener Gasthäuser unserer Gegend und wartete wieder einmal eine ganze Weile auf meine Freundin. Wir wollten endlich wieder einmal gemeinsam essen, aber auch diesmal hatte sie einen ihrer berühmten Notfälle. Ja, an das war ich aber sowieso schon gewöhnt, wer mit Menschen und deren Herausforderungen arbeitet, deren Leben hält sich selten an Termine im Kalender. Aber was verlässlich ist: Sie kommt, nur eben später. Manchmal eine ganze Weile später.
Das ist für mich in Ordnung, ich kenne das ja auch. Darum saß ich schon bei meiner zweiten Tasse Kaffee und gab meinen Gedanken wieder einmal Auslauf, als ich am Nebentisch ein Gespräch von drei Männern hörte.
Sie waren im Alter der Generation, die Betriebe aufgebaut und Häuser renoviert haben und die ihren Kindern gern und oft erklärt haben, wie die Welt funktioniert.
Einer von ihnen pfefferte sein Handy auf den Tisch mit den Worten:
„Seit drei Tagen, keine Chance.“
„Hotline oder Warteschleife?“
„Natürlich dieses nervige Gedudel von der Warteschleife … der Hotline.“
„Und?“
„Na, mittlerweile weiß ich, dass ich auf die Taste 3 drücken muss und dann warten, bis das Einloggen gelungen ist. Also bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, glaub ich.“
Die anderen am Tisch lachten so laut und ansteckend, dass die anderen Gäste der sonst wenig besuchten Gaststätte sich dem anschließen mussten. Eine wohltuende Abwechslung übrigens, denn da verblasste die Lautstärke des wieder einmal stattfindenden Küchenstreit-Dramas aus dem Hintergrund.
„Aber vielleicht bin ich einfach nur zu blöd dafür“, sagte er dann auch noch und genehmigte sich einen großen Schluck seines weißen Sommerspritzers.
Es ging um ein Schreiben der Pensionsversicherung, das bereits auf ihn wartete und das in seinem Postfach hinterlegt war. Ein Brief, den er seit einigen Wochen erwartete, weil er sehr auf die Genehmigung eines Reha-Antrages hoffte. Sein Rücken, aber vor allem auch seine Hände schmerzten ihn oft so sehr, dass der Stift, mit dem er sich die Einkäufe notieren musste, einer seiner Endgegner geworden war.
Aber ohne ID-Austria kein Postfach, kein Brief, keine Genehmigung, keine Reha. Aber die streikte offenbar schon seit einigen Tagen. Er hatte es versucht, am Laptop, am Handy, am Tablet, aber er erkämpfte sich auch dabei nur die Meldung „nicht gefunden, versuchen Sie es erneut.“ Dann hatte er die Passwörter geprüft, neue generiert, Anleitungen und Handouts gelesen, die Hotline angerufen. Und das Ganze mehrmals.
„Du hast doch früher die ganze Buchhaltung von deiner Firma selbst gemacht“, meinte einer seiner Kumpels. „Dafür hab ich dich immer bewundert, dass du dir das zugetraut hast, ich hab das damals ja schnell an meine Mitarbeiter abgegeben.“
„Hilft mir aber jetzt auch nix.“
Innerhalb weniger Minuten saßen dort drei Männer, die jahrzehntelang Verantwortung getragen hatten und sich um vieles, auch um bürokratische Hürden, selbst gekümmert hatten, und tauschten Geschichten über Fehlermeldungen aus. Keiner der drei wirkte hilflos, keiner wirkte überfordert und keiner wirkte so, als wäre er grundsätzlich mit Technik auf Kriegsfuß oder könnte damit nichts anfangen.
Aber trotzdem war die Essenz dieser Sätze immer wieder:
„Wahrscheinlich hab ich irgendetwas falsch gemacht oder hab was übersehen.“
„Vielleicht hab ich auch nur einen Schritt übersprungen oder was nicht angehakt.“
„Oder noch einfacher, ich bin vielleicht schon zu alt für den Schmarrn.“
Dann kam Inge, die ‚Madame, du wirst gebraucht‘, etwas außer Atem, wie immer. Wir bestellten und begannen, über unsere eigenen Dinge zu tratschen. Am Nebentisch ging es in der Zwischenzeit dann auch schon über Fußball.
Geblieben ist mir der Gedanke an die Geschwindigkeit, mit der Menschen beginnen, an sich selbst zu zweifeln. Sie zweifeln nicht deshalb, weil sie nie gelernt haben, mit so vielen schnellen Änderungen umzugehen, oder weil sie meinen, mit der Welt, die es nun gibt, nichts mehr anfangen zu können. Sie zweifeln, weil eine Tür, die gestern noch offen war, heute verschlossen bleibt und weil das System in solchen Momenten sehr schnell, sehr still wirkt.
Ich habe irgendwann einmal gelernt, dass Wirtschaftlichkeit bedeutet, mit geringstmöglichem Aufwand den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Es bedeutet nicht, dass man Aufwände einfach hin- und herschiebt. Von der Pensionsversicherung zum Bürger, von der Bank zum Kunden, von der Behörde zum Antragsteller.
Diese Überlegung hat mich in den folgenden Tagen noch ganz oft beschäftigt.
Aber wahrscheinlich wird das dann schon irgendeinen Sinn haben. Ich muss das ja nicht verstehen.
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