Ich hab da so eine Theorie über verdächtige Veränderungen
Heute war einer dieser Arbeitstage, an denen man am Abend müde ist und trotzdem das Gefühl hat, eigentlich nichts getan zu haben.
Ich hatte geschrieben, beantwortet, sortiert, abgelegt, gesucht, wiedergefunden, weitergeleitet und vermutlich auch irgendetwas gespeichert, von dem ich morgen nicht mehr weiß, wo.
Administration eben. Sie kann einen ganzen Tag fressen, ohne auch nur ein einziges schlechtes Gewissen deswegen zu bekommen.
Am Abend wollte ich deshalb nur noch eines, mich berieseln lassen.
Fernseher an, denken aus! Das war zumindest der Plan.
Im Fernsehen hatte sich gerade eine politische Runde zusammengefunden, um über ein Sommergespräch zu diskutieren. Ich hörte nur mit einem Ohr hin. Das andere hatte vermutlich schon Feierabend.
Bis das dieses eine Ohr plötzlich etwas aufschnappte.
Es ging um „Klimakommunismus“.
Nun ist das ein Wort, bei dem mein Kopf ohnehin kurz hängen bleibt. Klima kenne ich, Kommunismus kenne ich zumindest so weit, dass ich ungefähr weiß, was damit gemeint ist.
Zusammengesetzt wird daraus etwas, bei dem ich schon ein bisschen länger nachdenken muss. Aber gut, das kommt ja öfter vor.
Dann erklärte eine Diskutantin sinngemäß, was sie darunter versteht und warum sie das so nennt.
Den Begriff würde sie deshalb nutzen, weil Maßnahmen getroffen werden, womit die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung verändert werden soll.
Und damit war es vorbei mit dem Berieseln.
Denn mein Kopf macht in solchen Momenten leider etwas, das ich ihm noch nicht abgewöhnen konnte, er denkt weiter.
Wenn der Versuch, eine Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu verändern, aus Klimaschutz, Klimakommunismus macht, was ist dann eigentlich der Wunsch, Frauen und Männer gleich zu behandeln?
Gleichbehandlungskommunismus?
Immerhin versuchen wir da bis heute, unsere Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu verändern. Besonders verdächtig ist, dass wir sogar Gesetze dafür gemacht haben.
Und was war das mit dem Frauenwahlrecht?
Da wollten Frauen tatsächlich wählen dürfen. Obwohl das vorher anders geregelt war. Und sie wollten sogar, dass sich dieser Zustand ändert. Die Gesellschaft sollte also verändert werden. In eine bestimmte Richtung sogar.
Wahlkommunismus vielleicht?
Noch schwieriger wird es bei der Kinderarbeit.
Auch da gab es irgendwann Menschen, die offenbar der Meinung waren, Kinder gehörten eher in eine Schule als zur Arbeit. Heute erscheint uns das einigermaßen vernünftig. Damals musste dafür allerdings etwas verändert werden. Schon wieder die Gesellschaft. Schon wieder in eine bestimmte Richtung.
Und jetzt sitze ich da und frage mich, welche Sorte Kommunismus das gewesen sein könnte.
Kinderkommunismus klingt eigenartig. Schulkommunismus vielleicht? Oder Freizeitkommunismus, weil die Kinder plötzlich auch noch welche haben sollten?
Wobei es wahrscheinlich besser ist, dass ich an dieser Stelle aufhöre.
Denn sobald ich anfange, unsere Geschichte danach abzusuchen, wo Menschen bestehende Verhältnisse verändern wollten, wird das mit dem Berieseln heute nichts mehr.
Vielleicht habe ich bei der Erklärung des Klimakommunismus auch etwas Entscheidendes übersehen.
Das kann durchaus sein. Ich hatte schließlich einen langen Arbeitstag hinter mir und wollte eigentlich nur ein bisschen fernsehen.
Stattdessen sitze ich jetzt da und versuche herauszufinden, welche Form von Kommunismus die Abschaffung der Kinderarbeit gewesen sein könnte. Ich verstehe das irgendwie nicht, muss ich, glaube ich, aber auch nicht.
